Prof. Dr. Martin Hrabě de Angelis

Die systemische Analyse gibt den Blick auf das Ganze frei

Wenn man mit Martin Hrabě de Angelis spricht, fällt immer wieder das Wort „spannend“. Extrem spannend sind die Fragen, die er mit seiner Arbeit beantworten will, in der Tat. Es geht darum, wie die Gene unseren Körper und unseren Geist prägen, und darum, welche Wirkung Umwelteinflüsse haben. Wie wird Diabetes durch falsche Ernährung ausgelöst? Welche Rolle spielen Stress und Bewegung für unsere Gesundheit? Wie gefährlich sind Luftschadstoffe? Welche Wirkungen – und Nebenwirkungen – haben bestimmte Medikamente?

Prof. Dr. Martin Hrabě de Angelis
Prof. Dr. Martin Hrabě de Angelis


Es sind Dinge, die jeder gern wissen will, deren Erforschung aber einen hohen Aufwand erfordert. Denn alles ist mit allem verknüpft, und was auf der einen Seite einen positiven Effekt haben kann, ist möglicherweise auf der anderen Seite schädlich. Dieser Blick auf das große Ganze hat Hrabě de Angelis schon seit seiner Kindheit fasziniert. „Ich weiß noch genau, wie ich mit etwa sieben Jahren unter einem Baum lag und durch das Blätterdach in den blauen Himmel hinaufschaute“, erinnert er sich an ein Schlüsselerlebnis. „Da habe ich zum ersten Mal die Kraft gespürt, die in der Natur herrscht. Ich war erfüllt von großer Bewunderung und beschloss, dass ich darüber mehr erfahren wollte.“

Hrabě de Angelis studierte zunächst Biologie und Sport für das Lehramt. „Lehrer kann ich später auch noch werden“, beschloss er dann und wechselte in die Wissenschaft. Nach seiner Promotion ging er in die USA, nach Maine, und arbeitete als Post-Doc im damals führenden Mausgenetik-Zentrum der Welt –  dem Jackson Laboratory in Bar Harbor. Viel hat er dort gelernt, sowohl fachlich als auch menschlich. Er schätzte die Hingabe und positive Grundstimmung, die unter den Forschern herrschte und die auch über regelmäßige 80-Stunden-Wochen hinweghalf.

Inzwischen hat das Jackson Lab Konkurrenz bekommen: Hrabě de Angelis hat im Helmholtz Zentrum München eine Mausklinik aufgebaut, die weltweit einmalig ist. Rund 5 000 Mäuse mit den unterschiedlichsten genetischen Abweichungen können hier in 14 Stationen aufs Genaueste charakterisiert werden: Sämtliche Organe, Stoffwechsel- und Blutwerte werden dort ebenso erfasst wie das Verhalten. „2011 konnten wir das zehnte Gründungsjubiläum feiern“, sagt der 47-jährige Biologe, der neben seiner Arbeit als Direktor der Mausklinik und des Instituts für Experimentelle Genetik am Helmholtz Zentrum München auch noch Professor an der Technischen Universität München ist. „Wir haben die Einrichtung immer weiterentwickelt. Wir können nun den Einfluss der fünf wichtigsten Umweltfaktoren simulieren und erforschen, und vor Kurzem haben wir damit begonnen, die Wirkung von Substanzen und Arzneimitteln mit hinzuzunehmen.“

Hrabě de Angelis gehört zu den international führenden Mausgenetikern. In seiner Forschung steht die systemische Analyse im Vordergrund: Es geht nie um einen einzelnen Effekt, sondern um das Gesamtsystem. So haben er und sein Team herausgefunden, dass Mäuse, die ein bestimmtes Gen besitzen, das mit Autismus verknüpft ist, meist gleichzeitig auch unter Stoffwechselerkrankungen leiden. Die Beobachtung von anderen Mäusen, die an der Glasknochenkrankheit litten, zeigte, dass sie nach der Behandlung mit einem Medikament, das ihre Knochenerkrankung besserte, dennoch früh starben, und zwar an Herz- und Lungenkrankheiten. „Früher dachte man, dies sei eine Folge der vielen Knochenbrüche, nun aber wissen wir, dass die Herz- und Lungenprobleme ursächlich für den frühen Tod sind“, sagt Hrabě de Angelis. „Das zeigt uns, dass wir den Schirm breiter aufspannen müssen, als das in der Gesundheitsforschung bisher üblich war.“

Die Untersuchung komplexer biologischer Systeme ist oft langwierig und mit Rückschlägen verbunden. Um Frustrationen nicht aufkommen zu lassen, arbeitet Hrabě de Angelis intensiv mit seinen Leuten zusammen. „Immer wenn man Neuland betritt, gibt es Unerwartetes, das man richtig einordnen, oder Durststrecken, die man durchstehen muss. Deshalb ist es wichtig, gute und engagierte Mitarbeiter zu haben“, sagt er. „Wir diskutieren viel, oft auch konträr, und ich versuche, meine Begeisterung auf das Team zu übertragen. Man braucht klare Ziele und einen langen Atem.“

Wichtig ist für ihn der Ausgleich außerhalb der Arbeit. Als engagierter Sportler läuft er viel, aber seine besondere Leidenschaft gilt dem Surfen. „Wer es mit den großen Wellen an der Küste aufnimmt, kann den Respekt vor der Natur in der Praxis lernen“, meint er. Ganz bewusst sucht er im Privatleben Ablenkung, und in der Zeit, die er mit seiner Familie verbringt, taucht er in ein völlig anderes Leben ein. Er versucht aber auch da, seinen Kindern die Augen für die Wunder der Natur zu öffnen, denn er erinnert sich, wie er selbst sich schon im Vorschulalter „wie ein Schwamm mit Wissen vollgesogen“ hat.

Lehrer ist Hrabě de Angelis also nicht geworden, aber die Vermittlung von Wissen – privat wie öffentlich – macht ihm bis heute großen Spaß. Er besitzt das Talent, Zuhörer in seinen Bann zu ziehen und ihnen zu erklären, wie wichtig die Erforschung von Gen-Umwelt-Interaktionen ist, wenn wir eines Tages so weit kommen wollen, dass wir große Volkskrankheiten wie Diabetes, Alzheimer oder Krebs verstehen und heilen können.

 

Vita

  • seit 2009 Vorstand im Deutschen Zentrum für Diabetesforschung e.V.
  • seit 2000 / 2003 Direktor und Lehrstuhlinhaber der gleichnamigen Institute für Experimentelle Genetik am Helmholtz Zentrum München und der Technischen Universität München
  • seit 2000 Direktor der Deutschen Mausklinik und des Europäischen Maus-Mutantenarchivs
  • 1997–2000 Arbeitsgruppenleiter Funktionelle Genetik
  • 1994–1997 Post-Doc, The Jackson Laboratory Maine
  • 1985–1994 Studium und Promotion im Fach Biologie an der Philipps-Universität Marburg