Prof. Dr. Matthias Tschöp

Als Diabetesforscher arbeiten wir für den Patienten

Die besten Ideen hat Matthias Tschöp, wenn er mit Maya und Willy an der Isar joggt. Der Weimaraner-Mischling und der Golden-Retriever-Mix stammen aus einem Tierheim in Ohio. Sie kamen nach Deutschland, weil ihrem Herrchen eine Humboldt-Professur angeboten wurde, verbunden mit der Leitung des Instituts für Diabetes und Adipositas am Helmholtz Zentrum München und des Lehrstuhls für Stoffwechselerkrankungen an der Technischen Universität München. Matthias Tschöp ist ein international renommierter Diabetesexperte. Er forschte über zehn Jahre in den USA, war zuletzt Inhaber des Arthur Russel Morgan Chair of Medicine an der Universität Cincinnati. Neben der mit fünf Millionen Euro Forschungsgeld dotierten Alexander von Humboldt-Professur hat er zahlreiche hochrangige Auszeichnungen bekommen – vor Kurzem erst den angesehenen Outstanding Scientific Achievement Award der American Diabetes Association (ADA) sowie den Werner-Creutzfeldt-Preis.

Prof. Dr. Matthias Tschöp
Prof. Dr. Matthias Tschöp


„Wir haben über viele Jahre untersucht, wie die gastrointestinalen Hormone Ghrelin und GLP-1 unter anderem im Gehirn wirken, um den Zucker-, Energie-, und Fettstoffwechsel des Körpers zu regulieren. Dafür hat uns die Deutsche Diabetes Gesellschaft den Preis verliehen“, erzählt Tschöp. Er verwendet grundsätzlich die Wir-Form, wenn er von der wissenschaftlichen Arbeit, dem Institut und den Erfolgen spricht. Teamarbeit kommt bei ihm an erster Stelle, bekräftigt Tschöp: „Es ist das Zusammenführen von Perspektiven im Team, das uns der Problemlösung näherbringt.“

Von seinem sehr sachlich eingerichteten Büro hat er einen weiten Ausblick auf die Heideflächen des Münchner Nordens. In komplett neuen Labors im Businesspark Garching baut der 45-Jährige einen neuen Kristallisationspunkt der Deutschen Diabetesforschung auf. Sein internationales Team umfasst Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit Expertise in der Hirnforschung, Zellbiologie, Mitochondrienfunktion, Pharmakologie, Hormonforschung, Ernährungs- und sogar Krebsforschung. „Wir konnten unsere Wunschkandidaten überraschend leicht davon überzeugen, dass sich am Standort München mit dem Helmholtz Zentrum und zwei Eliteuniversitäten Forschung auf höchstem Niveau betreiben und gleichzeitig sehr gut leben lässt“, erinnert sich Tschöp an den Beginn der Rekrutierungsphase.

Matthias Tschöp und seine Frau – selbst eine bekannte Diabetesforscherin – stammen aus München. „Für uns war der Umzug mit einer Familienzusammenführung verbunden. Jetzt sind auch die Großeltern in der Nähe“, berichtet er. Dr. Susanna Hofmann ist ebenfalls Ärztin und leitet am Institut für Experimentelle Genetik des Helmholtz Zentrums München die Forschergruppe „Frauen und Diabetes“. Die beiden drei und fünf Jahre alten Kinder werden in der Tagesstätte „ganz schön frech“ auf dem Campus des Zentrums betreut. „Eine glückliche Konstellation“, freut sich Tschöp. Dass seine Arbeit mit dem Verlassen des Instituts nicht beendet ist, stört ihn und seine Familie nicht. So werden im Hause Tschöp auch mal nach dem Abendessen Skype-Konferenzen mit den internationalen Kollegen abgehalten und E-Mails vor dem Frühstück beantwortet. „Es fließt viel kreative Energie in beide Richtungen“, beschreibt Tschöp die persönliche Verknüpfung von Forscheralltag und Privatleben.

Seine wissenschaftliche Motivation bezieht der Stoffwechselforscher vor allem aus der Neugier – aus dem Drang biologische Funktionen zu entschlüsseln und molekulare Konzepte aufzuklären. Dieser Wunsch bewegte ihn bereits während seiner Ausbildung, die er sich zum Teil als Krankenpfleger, Rettungssanitäter und Bergwacht-Notarzt finanzierte. Vorgezeichnet oder vorhersehbar war der Weg in die Wissenschaft da noch keineswegs. Erst nach Stationen als Arzt am Münchner Universitätsklinikum und in Entwicklungsländern wie Ghana und Ruanda, in der Medikamentenforschung bei Eli Lilly in Indianapolis, am Deutschen Institut für Ernährungsforschung und schließlich an der University of Cincinnati betrachtet sich der Mediziner heute als Forscher aus Passion.

„Leidenschaft macht den Forscheralltag lebenswert“, schwärmt Matthias Tschöp. „Natürlich bin ich nicht mehr persönlich derjenige, der tatsächlich Wirkstoffe testet und Substanzen pipettiert. Die Glück spendenden Momente aber sind die gleichen geblieben: Wenn man zum ersten Mal die Kurve oder die Immunfluoreszenz in den Händen hält und den gesuchten Rezeptor erkennt – dann spürt man diese Euphorie, die uns Wissenschaftler Wochen oder sogar Monate der Frustration in Sekunden vergessen lässt!“

Als Mediziner treibt Tschöp der Wunsch an, das gewonnene Verständnis nutzbringend umzusetzen. „Diabetes ist eine der großen Volkskrankheiten und eine große Bedrohung für unsere Gesellschaft“, sagt er ernst. „Wir dürfen bei der Entwicklung wirkungsvoller und sicherer Therapien und neuer auf den individuellen Patienten zugeschnittener Medikamente keine Zeit verlieren.“ München sei ein Weltklasse-Standort sowohl für die translationale Forschung als auch für die Wirkstoffentdeckung und -testung. Diese Kombination habe für ihn wie für seine Mitarbeiter den Ausschlag gegeben, sich für München zu entscheiden. „Das Potenzial hier mit einer langen Tradition in der Diabetesforschung und den Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den Universitäten und den Kliniken ist großartig“, freut sich Tschöp. „All diese Rahmenbedingungen machen es möglich, ein schlagkräftiges Institut aufzubauen und daran mitzuarbeiten, dass München als Diabetesforschungsstandort international ganz vorne mitspielt.“

Seine persönliche Rolle sieht Matthias Tschöp auch darin, die im Diabetesbereich wichtigen Münchner Forscher und Institutionen international zu verknüpfen. Das übergeordnete Ziel aber ist die Entdeckung eines Therapiekonzepts, um auf längere Sicht Diabetes Typ 1 und Typ 2 heilen zu können. „Darauf zielt letztlich jedes unserer Experimente, nicht auf die Befriedigung unserer Neugier oder die Publikation von Ergebnissen. Wir arbeiten für den Patienten“, bekräftigt Matthias Tschöp.

Prof. Tschöp im Interview mit dem SWR2 zum Thema "Mit Darmschlauch gegen Diabetes. Kann ein kleiner Eingriff den Zuckerhaushalt normalisieren?" (EA am 26.10.13, 10:05 Uhr)

 

Vita

  • 2012 Preisträger der Alexander von Humboldt-Professur
  • seit 2011 Direktor des Instituts für Diabetes und Adipositas am Helmholtz Zentrum München, Inhaber des Lehrstuhls für Stoffwechselerkrankungen an der Technischen Universität München
  • 2011 Outstanding Scientific Achievement Award der American Diabetes Association — Alexander von Humboldt-Professur
  • 2003–2011 Professor für Endokrinologie am Institut für Stoffwechselerkrankungen und wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Diabetesforschung an der University of Cincinnati
  • 2002–2003 Arbeitsgruppenleiter am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam
  • 1998–2002 Post-Doc in einer internationalen pharmazeutischen Firma in den USA
  • 1987–1997 Medizinstudium, Promotion und Assistenzarzt an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Abteilung Endokrinologie