Prof. Dr. Oliver Eickelberg

Therapien für Lungenkrankheiten sind Teil unserer Mission

Vielleicht wäre Oliver Eickelberg heute ein bekannter Fußballspieler. Doch seine Mutter wollte nicht, dass er „sich die Knochen kaputt macht“. Er wechselte die Sportart und wurde Basketballer beim ASC 09 Aplerbeck und SSV Hagen. Die Liebe zum Fußball und zum Club seiner Heimatstadt Dortmund ist geblieben. „Wenn es meinem Verein gut geht, geht es auch mir gut“, sagt Eickelberg lachend. Ernsthaft fährt er fort: „Forschung und Fußball haben viel gemeinsam.“

Prof. Dr. Oliver Eickelberg
Prof. Dr. Oliver Eickelberg


„Beim Fußball wie in der Forschung müssen unterschiedliche Charaktere miteinander umgehen, während ein Coach die Richtung vorgibt“, sagt Oliver Eickelberg. „Vor allem aber sind beide Bereiche super emotional. Absolute Leidenschaft ist Voraussetzung für Erfolg.“

Oliver Eickelberg ist einer der erfolgreichsten Lungenforscher Deutschlands. Mit dem Comprehensive Pneumology Center (CPC), einer gemeinsamen Einrichtung des Helmholtz Zentrums München, der Ludwig-Maximilians-Universität, dem Klinikum der Universität München und den Asklepios Fachkliniken in München-Gauting baut er einen der vielseitigsten Lungenforschungsstandorte Deutschlands auf. Die Lunge beschäftigt ihn seit seiner Doktorarbeit. „In diesem spannenden Organ findet fast der gesamte Austausch mit der Außenwelt statt. Ohne Atmung können wir höchstens fünf Minuten überleben“, erklärt Eickelberg begeistert. Neben der Faszination für sein Forschungsobjekt sind es auch persönliche Motive, die ihn antreiben. Seit seiner Kindheit leidet er an allergischem Asthma, kennt „die Panik“ bei dem Gefühl, keine Luft zu bekommen. „Das sind Momente,“ sagt Eickelberg, jetzt nachdenklich, „die man nicht vergisst.“

In seiner Ausbildung als Arzt musste er lernen, dass es für die meisten Lungenerkrankungen kaum Behandlungsmöglichkeiten gibt. Das zu ändern ist Ziel der Lungenforschung am Helmholtz Zentrum München. Gemeinsam mit den Partnern aus Universität und Klinik sollen die Ursachen erforscht und neue Therapien entwickelt werden. „Mit unserem translationalen Ansatz wollen wir dazu beitragen“, sagt Eickelberg, „das Leid der Patienten mit Lungenerkrankungen zu mildern.“ 

Lungenerkrankungen gehören zu den großen Volkskrankheiten. Weltweit stellen sie die zweithäufigste Todesursache dar, Tendenz steigend. Eickelberg rechnet mit einem Zuwachs von bis zu 25 Prozent in den kommenden fünf bis zehn Jahren. Einige der Auslöser wie Zigarettenrauch und Abgasbestandteile sind bekannt. Aufklärung betrachtet der Forscher als wichtige gesellschaftliche Aufgabe. „Um die Diskrepanz zwischen der Bedeutung von Lungenerkrankungen und dem fehlenden Wissen in der Öffentlichkeit zu verringern“, sieht Eickelberg auch die Forschung in der Pflicht. Der im vergangenen Jahr am Helmholtz Zentrum München etablierte Lungeninformationsdienst sei ein „hervorragendes Vehikel“, um Wissen und aktuelle Ergebnisse aus der Forschung an Patienten, Angehörige und Selbsthilfegruppen weiterzugeben. 

Zentraler Punkt aber ist für den Forscher und Arzt ein tiefgreifenderes Verständnis der Entstehung von Lungenerkrankungen. Eickelberg führt als Beispiel die idiopathische Lungenfibrose an, einen seiner persönlichen wissenschaftlichen Schwerpunkte: „Wir wissen nicht, was die Ursache ist, kennen kaum Risikofaktoren und auch keine genetische Komponente.“ Gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe untersucht er die Entstehungsmechanismen, um Therapien zu entwickeln, die die Ursachen der Erkrankung beheben – und sie so wirklich heilen. Kurzfristig geht es aber darum, ein Fortschreiten der Erkrankung zu verzögern und die Symptome zu lindern. „Mein größter Wunsch ist es, dazu beizutragen, eine wirkungsvolle Therapie an den Patienten zu bringen“, sagt Eickelberg, „Das wird heute oder morgen noch nicht klappen, aber hoffentlich in den nächsten zehn bis 15 Jahren.“ 

Als wissenschaftlicher Leiter des Comprehensive Pneumology Center, als Lehrstuhlinhaber für Experimentelle Pneumologie an der Ludwig-Maximilians-Universität und als Institutsdirektor am Helmholtz Zentrum München ist Eickelberg Chef von 150 Mitarbeitern. Oft pendelt er zwischen den Standorten Großhadern im Süden und dem Forschungscampus Neuherberg im Norden Münchens. Manchmal ergibt sich zwischen Terminen für ihn die Gelegenheit, sich in einem der Innenstadtcafés bei einem Espresso in die Literatur zu vertiefen. „Diese Momente sind oft eine Quelle der wissenschaftlichen Inspiration", sagt Eickelberg.  Den Hauptteil seines Tagesgeschäfts machen jedoch Managementaufgaben aus. „Hier sind Fertigkeiten gefragt, auf die man als junger Forscher gar nicht vorbereitet wurde“, sagt der 44-Jährige. An der CPC Research School, die dem Lungenzentrum angegliedert ist, werden deshalb neben wissenschaftlichen Grundlagen auch das Management von Forschungsprojekten und sogenannte Soft Skills gelehrt – darunter Gesprächsführung, Präsentationstechniken und Zeitmanagement. 

Auffällig findet Eickelberg in diesem Zusammenhang aber ein anderes Phänomen: „Bei Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern kommt zur wissenschaftlichen Komponente sehr bald Personalverantwortung hinzu. Hier ist Unterstützung durch das Zentrum wichtig, damit sich die Neugierde, aus der die wirklich neuen Fragestellungen entstehen, unbeschwert weiterentwickeln kann und nicht durch die neue Verantwortung überschattet wird.“ Oliver Eickelberg lässt sich diese Bürde nicht anmerken. Er schwärmt von „Meetings, die bis tief in die Nacht dauern“, von Menschen, die „fantastische Charaktere“ und von „ihrer Arbeit fasziniert“ sind. „Als Wissenschaftler haben wir ein Privileg,“ betont er: „Nämlich das Wissen der Welt zu erweitern.“ Nachdrücklich fügt er hinzu: „Wir sollten es gut nutzen, zum Wohle der Patienten mit Lungenerkrankungen.“

 

Vita

  • seit 2008 Direktor des Instituts für Lungenbiologie am Helmholtz Zentrum München und des Instituts für Experimentelle Pneumologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, außerdem experimenteller Leiter des Comprehensive Pneumology Center
  • 2002–2008 Leiter der Humboldt-Forschungsgruppe Molekulare Mechanismen der Lungenfibrose an der Universität Gießen
  • 2002 Sofja-Kovalevskaja-Preis der Alexander von Humboldt-Stiftung
  • 1998–2002 Feodor Lynen-Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Yale University School of Medicine in New Haven, Connecticut
  • 1989–1997 Studium der Medizin in Lübeck und Wien, Promotion an der Universität Basel