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Pressemeldungen KORA

Jeder zweite Diabetiker ist ahnungslos

Etwa 40 Prozent der 55 bis 74-Jährigen in Deutschland leiden unter einer mehr oder minder schweren Form der Störung ihres Blutzucker-Stoffwechsels, aber nur ein Viertel weiß davon. Betrachtet man allein die Fälle an Diabetes mellitus, so ist das Verhältnis von Wissenden zu Unwissenden noch drastischer: Jeder zweite Diabetiker ist ahnt nichts von seiner Erkrankung. Diese dramatischen Erkenntnisse brachten jüngst Wissenschaftler der GSF- Studiengruppe "Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg" (KORA) im Rahmen eines Kooperationsvorhabens mit dem Deutschen Diabetes-Forschungsinstitut (DDFI) zu Tage. Die wichtigsten Risikofaktoren für unerkannten Diabetes sind Übergewicht, Bluthochdruck sowie eine familiäre Vorbelastung. Auf Basis dieser neuen Zahlen fordern die Wissenschaftler nun ein Diabetes-Screening, welches eng zugeschnitten auf die Risikogruppen, große Fortschritte in der Früherkennung dieser gefährlichen Volkskrankheit bringen könnte.

Ziel der bevölkerungsrepräsentativen KORA-S2000-Studie des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit war es, das Auftreten unerkannter Fälle von Diabetes und dessen Vorläuferstadien abzuschätzen und nach Zusammenhängen mit kardiovaskulären Risikofaktoren zu fahnden. Die DDFI-Forscher waren mit der Durchführung eines oralen Glukose-Toleranz-Tests (oGTT) bei 1353 Personen aus dem KORA-S2000-Teilnehmerkreis beteiligt. Für diese sehr zeitaufwändige Untersuchung muss man nach einer Blutentnahme zur Bestimmung des Nüchternblutzuckers 75 Gramm Dextroglukose auf nüchternen Magen zu sich nehmen, genau zwei Stunden nach dem Glukosetrunk wird der Blutzuckerspiegel erneut bestimmt. So wird aufgezeigt, wie der Körper auf Glukosezufuhr reagiert.

Dies ist die bislang einzige Testform, mit der in einer großen Population auch Vorstufen einer Diabeteserkrankung klar diagnostiziert werden können. Einfache Nüchternblutzuckerbestimmungen, wie sie von den Krankenkassen im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen finanziert werden, übersehen etwa 40% der bisher unentdeckten Diabetiker. Demgegenüber können auch von den Apotheken angebotene Zufallsblutzuckerbestimmungen (z.B. nach einer ausgiebigen Mahlzeit) erste wichtige Hinweise auf eine Glukosestoffwechselstörung (etwa ab Blutzuckerwerten von 160 mg/dl) geben, die dann der weiteren ärztlichen Diagnostik bedürfen.

"In der von uns untersuchten Altersgruppe leiden etwa 17 Prozent an Diabetes mellitus, aber über die Hälfte, genau 8,4 Prozent der Studienteilnehmer, wissen nichts von ihrer Erkrankung", fasst Dr. Hannelore Löwel, Leiterin der für die KORA-S2000-Studie zuständigen GSF-Arbeitsgruppe "Epidemiologie chronischer Krankheiten", zusammen. Im europäischen Vergleich zählt Deutschland damit zu den Spitzenreitern. Männer sind - vor allem in der Altergruppe der 55 bis 59-Jährigen weitaus häufiger betroffen als Frauen.

In einem zweiten Schritt gingen die Wissenschaftler daran, bei den bislang unerkannten Diabetesfällen der Studie nach möglichen Zusammenhängen mit den vom KORA-GSF-Team untersuchten Risikofaktoren zu fahnden und deren präventivmedizinische Bedeutung für die deutsche Bevölkerung zu ermitteln. Diese bedeutsamen Aussagen erfordern ein bevölkerungsrepräsentatives komplexes Studiendesign und sind von den klinischen Partnern über ihre Patienten nicht zu erhalten.
In diesem Fall profitierten die DDFI-Partner von einem unschätzbaren Vorteil: Im Rahmen der KORA-S2000-Studie, aus deren Teilnehmerkreis die Probanden stammten, war zu der über die GSF finanzierten und organisierten Risikofaktorstudie ,nur noch´ zusätzlich der orale Glukose-Toleranz-Test einzubringen.

Die Befunde sind eindeutig: Wie bei bekannten Diabetikern zeigen sich auch bei den Ahnungslosen direkte Assoziationen zu kardiovaskulären Risikofaktoren: "Menschen, die über einen Body Mass Index von über 30 kg/m2 verfügen, deren Taillenumfang bei über 100 cm (Frauen) bzw. 109 cm (Männer) liegt und die Störungen der Blutfett-Funktionen oder einen erhöhten Blutdruck von über 140 zu 80 mm Hg aufweisen, tragen auch ein deutlich erhöhtes Risiko, bereits an unerkannter Diabetes erkrankt zu sein" beschreibt Hannelore Löwel die typischen Vertreter der nun eingegrenzten Risikogruppe. Eine familiäre Vorbelastung durch die Eltern erhöht die Wahrscheinlichkeit, unter bisher unerkanntem Diabetes zu leiden: Um einen unerkannten Diabetikerfall aufzudecken bedarf es im Schnitt - je nach Risikofaktor - nur 5 bis 10 Testpersonen aus der besagten Risikogruppe.

Diese in ihrem Ausmaß für Deutschland neu aufgedeckten Zusammenhänge bergen weitreichende Chancen für eine verbesserte Früherkennung: Endlich ist eine für jeden Betroffenen sehr einfach nachzuvollziehende Risikogruppe definiert, für die ein Früherkennungs-Screening mit Zufallsblutzuckerbestimmung zur Identifizierung von Verdachtsfällen und einem anschließenden OGT-Test auf jeden Fall sinnvoll und zu befürworten ist. Zudem entspräche dies auch ganz dem Gedanken der sogenannten wissensbasierten Verordnungsweise, wie sie über die neuen Disease Management -Programme empfohlen ist.
Bis solche praktisch bedeutsamen Erkenntnisse Eingang in das Screeningprogramm der Krankenkassen finden, kann erfahrungsgemäß einige Zeit vergehen. Bis dahin könnten Vertreter der Risikogruppen eine solch wichtige und gleichzeitig wenig aufwändige Vorsorge selbst in die Hand nehmen - ein wichtiger Schritt gerade in Zeiten, in denen vielerorts Stimmen nach größerer Eigenverantwortung für eine individuelle Gesundheitsvorsorge laut werden.
Dass dies in jedem Fall Sinn macht, belegen ebenfalls Zahlen aus dem KORA Survey 2000: Der bisher oft verharmlosend als "Altersdiabetes" abgetane Typ-2-Diabetes steht nachweislich in engem Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die auch in Deutschland die Todesursache Nummer Eins bei Erwachsenen sind. Die Auswertungen der ebenfalls in der Region seit 1984 durchgeführten KORA-Vorgänger-Studien im Rahmen des WHO-MONICA (Monitoring trends and determinants in cardiovascular disease) Projektes haben ergeben, dass männliche Diabetiker ein um 2 bis 4-fach und Diabetikerinnen ein 4 bis 6-fach erhöhtes Herzinfarktrisiko im Vergleich zu Nichtdiabetikern haben.

Weiterführende Informationen und Ansprechpartner sowie Bildmaterial erhalten Sie bei der GSF- Pressestelle:

GSF – Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: 089/3187-2460
Fax 089/3187-3324



Neuherberg, 14. April 2003

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