Pressemitteilung/News

Diabetesforschung
18.10.2017

International einzigartiges Studienprogramm zur Früherkennung und Vorbeugung von Typ-1-Diabetes

Im Rahmen eines internationalen Netzwerks startet das Helmholtz Zentrum München ab sofort ein bislang einzigartiges Programm zur Vorbeugung von Typ-1-Diabetes bei Kindern in Bayern. Allen Eltern wird mit der Freder1k-Studie eine freiwillige Früherkennungsuntersuchung für ihre Neugeborenen bis zum Alter von vier Monaten angeboten. Ebenfalls teilnehmen können Babys aus ganz Deutschland, deren Eltern oder Geschwister Typ-1-Diabetes haben. Ergibt der Test ein erhöhtes Risiko, an Typ-1-Diabetes zu erkranken, kann das Kind an einer Präventionsstudie teilnehmen. Deren Ziel ist es, den Ausbruch der Erkrankung zu verhindern. Die Studie wird vom Helmholtz Zentrum München in Zusammenarbeit mit dem Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München durchgeführt. Der Berufsverband der bayerischen Kinder- und Jugendärzte und die Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde unterstützen die Initiative.

Quelle: Helmholtz Zentrum München

Typ-1-Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter, in Deutschland sind zwischen 21.000 und 24.000 Kinder und Jugendliche betroffen. Die Rate der Neuerkrankungen steigt seit einigen Jahren deutlich an, derzeit um jährlich drei bis fünf Prozent. Typ-1-Diabetes entwickelt sich schleichend: Bevor die ersten Symptome auftreten, attackiert das kindliche Immunsystem körpereigene Strukturen.

Forschungsergebnisse der letzten Jahre – unter anderem aus dem Institut für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München – geben Anlass zu der Hoffnung, dass sich diese Autoimmunreaktion und somit die Erkrankung an Typ-1-Diabetes im Baby- und Kleinkindalter verhindern lässt. Die Freder1k-Studie, die ab sofort in Bayern beginnt, soll die Kinder identifizieren, die davon profitieren könnten. Freder1k bietet Eltern die Möglichkeit, ihr Kind zusammen mit dem regulären Neugeborenen-Screening oder bis zum Alter von vier Monaten beim Kinderarzt auf das Risiko, Typ-1-Diabetes zu entwickeln, untersuchen zu lassen. Für die Teilnahme benötigt der Arzt nur wenige Tropfen Blut. Ergibt sich beim Test ein erhöhtes Risiko, erhält die Familie eine umfassende Betreuung. Ihr Kind kann in eine Studie mit dem Ziel der Prävention von Typ-1-Diabetes aufgenommen werden.

„Mit dem Start von Freder1k treiben wir die Prävention von Typ-1-Diabetes weiter entscheidend voran. Denn dadurch haben wir erstmals die Möglichkeit, das Immunsystem frühzeitig so zu trainieren, dass die fehlgesteuerte Immunreaktion vermieden werden kann. Das wollen wir mit der Gabe von Insulinpulver über die Mundschleimhaut erreichen und so langfristig womöglich Typ-1-Diabetes verhindern“, sagt Studienleiterin Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München.

Ein 2016 begonnenes Modellprojekt in Sachsen erhält bei Eltern bereits großen Zuspruch. Unter der Leitung des DFG-Forschungszentrum für regenerative Therapien Dresden (CRTD) werden dort aktuell rund 400 Kinder pro Woche untersucht. Auch in Niedersachsen plant das koordinierende Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover, die Untersuchung anzubieten. Deutschland ist mit Freder1k internationaler Vorreiter. In den kommenden Monaten steigen Kliniken und Ärzte in Schweden, Polen, Belgien und Großbritannien ebenfalls mit ein. Es handelt sich um eins der größten von akademischen Institutionen initiierten Studienprogramme in Europa.

„Die Früherkennung und mögliche zukünftige Präventionsmaßnahmen vor Diabetes mellitus haben in Zukunft womöglich den gleichen gesundheitserhaltenden Stellenwert, wie das bewährte Konzept der Schutzimpfungen gegen schwere Infektionskrankheiten heute“, ist Dr. Martin Lang, Vorsitzender des bayerischen Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte überzeugt. „Nach der extrem erfolgreichen Fr1da-Studie freuen wir in der ambulanten Pädiatrie in Bayern uns sehr, einen wertvollen und weltweit beachteten Beitrag zur Diabetesforschung und  zur Weiterentwicklung der Diabetesprävention leisten zu können.“

„Prävention ist die Medizin der Zukunft. Doch nur bei wenigen chronischen Erkrankungen ist es wie hier beim Typ-1-Diabetes möglich, bereits bei der Geburt ein Risiko zu identifizieren und die Krankheit durch frühzeitiges Eingreifen möglicherweise zu verhindern“,  sagt die Präsidentin der Bayerischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde, Prof. Dr. Marion Kiechle. „Deshalb liegt es mir sehr am Herzen, das Projekt zusammen mit unseren  Gynäkologen und Geburtshelfern zu unterstützen.“

Freder1k und die Primärpräventionsstudie sind Teil der Globalen Plattform zur Prävention des Autoimmunen Diabetes (GPPAD), einem internationalen Netzwerk aus Forschung und Medizin, deren Ziel eine Welt ohne Diabetes ist. Die US-amerikanische Stiftung Helmsley Charitable Trust fördert die Initiative als Geldgeber.

Weitere Informationen

Hintergrund:
Typ-1-Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter. Das immunologische Geschehen, das der Stoffwechselstörung zu Grunde liegt, basiert auf einer genetischen Veranlagung und wird durch Umweltfaktoren beeinflusst. Etwa 30 von 1.000 Kindern haben Risiko-Gene für Typ-1-Diabetes. In Deutschland sind etwa 21.000 bis 24.000 Kinder und Jugendliche an Typ-1-Diabetes erkrankt, die Rate der Neuerkrankungen steigt derzeit jährlich um drei bis fünf Prozent. Die Krankheit bleibt oft viele Jahre unerkannt, bis sie sich schlagartig in oftmals lebensbedrohlichen Symptomen äußert. Patienten müssen ihrem Körper lebenslang Insulin zuführen. Zu möglichen Spätfolgen zählen Augen- und Nierenschäden sowie Probleme mit Herz und Gefäßen. 

Freder1k-Studie: Im Rahmen der Freder1k-Studie sollen europaweit 300.000 Babys auf ihr Diabetesrisiko getestet werden. Die Teilnahme ist freiwillig und kostenlos. Der Test kann im Rahmen des Neugeborenen-Screenings oder bei einer nachfolgenden Untersuchung bis zum Alter von vier Monaten beim Kinderarzt stattfinden. Es werden dafür nur wenige Tropfen Blut, zum Beispiel aus der Ferse, benötigt. Ergibt der Test ein erhöhtes Risiko, erhält die Familie eine umfassende Betreuung und das Kind wird zur Teilnahme an der Präventionsstudie eingeladen. Weitere Details unter www.gppad.org.

Fr1da-Studie: Bei der Fr1da-Studie nahmen in Bayern seit Ende 2014 insgesamt 68.000 Kinder zwischen zwei und fünf Jahren an einer freiwilligen, kostenlosen Untersuchung zur frühen Diagnose von Typ-1-Diabetes teil. So konnte das frühe Stadium des Typ-1-Diabetes erkannt und die betroffenen Familien intensiv auf die Erkrankung vorbereitet und geschult werden. Akute und lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisungen wurden dadurch vermieden.

Das Helmholtz Zentrum München verfolgt als Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt das Ziel, personalisierte Medizin für die Diagnose, Therapie und Prävention weit verbreiteter Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus, Allergien und Lungenerkrankungen zu entwickeln. Dafür untersucht es das Zusammenwirken von Genetik, Umweltfaktoren und Lebensstil. Der Hauptsitz des Zentrums liegt in Neuherberg im Norden Münchens. Das Helmholtz Zentrum München beschäftigt rund 2.500 Mitarbeiter und ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, der 19 naturwissenschaftlich-technische und medizinisch-biologische Forschungszentren mit rund 37.000 Beschäftigten angehören. 

Das Institut für Diabetesforschung (IDF) befasst sich mit der Entstehung und Prävention von Typ-1-Diabetes. Ein vorrangiges Projekt des Instituts ist die Entwicklung einer antigen-basierten Therapie zur Erzeugung einer Immuntoleranz. In groß angelegten Langzeitstudien untersucht das IDF den Zusammenhang von Genen, Umweltfaktoren und Immunsystem für die Pathogenese von Typ-1-Diabetes. Mit den Daten der Geburtskohorte BABYDIAB, die 1989 als weltweit erste prospektive Diabetes-Geburtskohorte etabliert wurde, konnte die Anfälligkeit für die Entstehung einer mit Typ-1-Diabetes assoziierten Autoimmunität in den ersten zwei Lebensjahren aufgedeckt werden. Das im Jahr 2015 vom IDF initiierte Pilotprojekt Fr1da war weltweit das erste bevölkerungsweite Screening auf Inselautoimmunität in der Kindheit, die als Frühstadium des Typ-1-Diabetes zu werten ist.  Das IDF ist Teil des Helmholtz Diabetes Center (HDC).

Das Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München widmet sich mit rund 5.500 Mitarbeitern der Krankenversorgung, der Forschung und der Lehre. Jährlich profitieren rund 60.000 Patienten von der stationären und rund 250.000 Patienten von der ambulanten Betreuung auf höchstem medizinischem Niveau. Das Klinikum ist ein Haus der Supra-Maximalversorgung, das das gesamte Spektrum moderner Medizin abdeckt. Durch die enge Kooperation von Krankenversorgung und Forschung kommen neue Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien frühzeitig dem Patienten zugute. Seit 2003 ist das Klinikum rechts der Isar eine Anstalt des öffentlichen Rechts des Freistaats Bayern.