Pressemitteilung/News

Aus dem Zentrum
09.11.2017

Nobelpreisträger Robert Huber zu Gast am Helmholtz Zentrum München

Am 8. November 2017 besuchte der Münchner Nobelpreisträger Robert Huber das Helmholtz Zentrum München. Anlass war die Halbzeit-Begutachtung des EU-weiten Wirkstoffforschungsprojekts AEGIS*, das im Rahmen von Horizon 2020 vom Institut für Strukturbiologie (STB) am Helmholtz Zentrum München koordiniert wird. Vor zahlreichen Zuhörern skizzierte der Nobelpreisträger von 1988 die Historie der Strukturforschung und blickte optimistisch in die Zukunft.

Quelle: Helmholtz Zentrum München

Huber widmete seinen Vortrag der Bedeutung der 3D-Struktur von Molekülen für die Entwicklung von Medikamenten. Unter dem Titel „New ways of vision: protein structures in translational medicine and business development, my experience” spannte er zunächst den Bogen von den Anfängen der Röntgenkristallographie bis zu den neuesten Methoden der Kernspinresonanz(NMR)-Spektroskopie. Anhand mehrerer Beispiele erläuterte er anschließend, wie die Aufklärung biologischer Strukturen vielfach in ganz konkreten Anwendungen münden kann. So sei etwa die Entschlüsselung natürlicher Inhibitoren des Blutgerinnungsfaktors Thrombin (beispielsweise aus dem Blutegel) wegweisend für die Entwicklung bestimmter Antikoagulantien gewesen. Im Diabetesbereich nannte Huber die Aufklärung der räumlichen Struktur des Enzyms DPP4, die zur Entwicklung mehrerer DPP4-Inhibitoren** geführt habe. Mit Blick auf die Zukunft erklärt er, dass vor allem das Proteasom*** als besonders interessante Struktur für die Entwicklung neuer Antibiotika immer mehr ins Blickfeld rücke. 

„Unsere ersten Protein-Modelle waren noch aus Draht und Schrauben“

Angesprochen auf die neuen Möglichkeiten der Strukturforschung, die sich unter anderem im Rahmen des Bayerischen NMR-Zentrums von Helmholtz Zentrum und TU München bieten, sagte Huber: „Diese neuen Technologien sind phantastisch! Nahezu alle Instrumente und Methoden, die mittlerweile etabliert sind, standen uns damals nicht zu Verfügung und ermöglichen es jetzt viel weiter in die Tiefe zu gehen. Schauen Sie sich beispielsweise die Cryo-Elektronenmikroskopie an – da erleben wir gerade eine Revolution, mit der vor wenigen Jahren nicht zu rechnen war.“ Huber könnte sich sogar vorstellen, dass durch die immer besser werdenden digitalen Rechenmodelle Molekülstrukturen künftig aus dem Rechner kommen könnten.

Drei Generationen Wirkstoffforschung

Ähnlich sieht das STB-Direktor und AEGIS-Koordinator Prof. Dr. Michael Sattler: „Durch die integrative Strukturbiologie, die sowohl verschiedene strukturbiologische Analysemethoden, wie Röntgenstrukturanalyse, NMR-Spektroskopie und Kryo-Elektronenmikroskopie, aber auch Computer-gestützte Moleküldynamik und die theoretische Chemie einbezieht, ergeben sich heutzutage großartige Möglichkeiten!“ Entsprechend froh sei er, im Rahmen dieses Treffens drei Generationen von Wirkstoffforschern zusammenzubringen und den Grundstein für künftige Kooperationen und Publikationen zu legen. Angesprochen auf die jüngeren Zuhörer gab Huber dem Nachwuchs folgenden Rat: „Neben dem Herzblut, der Kraft und dem Engagement, das man für eine erfolgreiche Karriere in der Wissenschaft braucht, ist es wichtig, rechtzeitig den eigenen Weg zu erkennen. Wählen Sie das Feld, das Sie einschlagen möchten und suchen Sie sich einen Mentor, der Sie aufbaut, Ihnen aber auch die nötigen Freiheiten lässt!“

Weitere Informationen

Hintergrund:
Robert Huber wurde 1937 in München geboren und studierte, promovierte und habilitierte im Fach Chemie an der TU München. Von 1971 bis 2005 war er Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München, wo er auch heute noch aktiv arbeitet. Er erhielt den Nobelpreis im Bereich Chemie 1988 zusammen mit Johann Deisenhofer und Hartmut Michel „für die Erforschung der dreidimensionalen Struktur des Reaktionszentrums der Photosynthese bei einem Purpurbakterium“. Huber hat mit seinen Arbeiten zu experimentellen und theoretischen Methoden der Röntgenkristallographie von Proteinen das Verständnis der Photosynthese entscheidend beeinflusst. Huber ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Nationale Akademie der Wissenschaften und der Academia Europaea. Darüber hinaus erhielt er zahlreiche Preise und hält eine Reihe von Ehrenprofessuren weltweit. Darüber hinaus gründete er die Biotech-Unternehmen Proteros und Suppremol.

* Der Name AEGIS ist ein Akronym für Accelerated Early staGe drug dIScovery. Die Teilnehmer, talentierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler aus ganz Europa, widmen sich der Entwicklung innovativer Wirkstoffe gegen verschiedene Krankheiten wie der Schlafkrankheit, Malaria oder Tuberkulose. Zudem durchlaufen sie eine umfangreiche Ausbildung auf dem Gebiet der Wirkstoffforschung. Elf Partner aus industrieller und akademischer Forschung in sieben europäischen Ländern arbeiten dafür zusammen. Darüber hinaus beteiligen sich 16 Partnerorganisationen an dem Projekt. Ziel der Wissenschaftler ist es, anhand der Raumstruktur von Proteinen kleine Moleküle zu designen, die Protein-Protein Wechselwirkungen unterbinden und dadurch letztlich Krankheitserreger eliminieren können.

** Auf den Seiten des Diabetesinformationsdienstes finden Sie mehr zur Wirkweise von DPP4-Inhibitoren.

*** Das Proteasom ist ein Proteinkomplex, der fremde, überschüssige oder funktionsunfähige Proteine abbaut und wird daher populärwissenschaftlich oft als „zelluläre Müllabfuhr“ bezeichnet.


Das Helmholtz Zentrum München verfolgt als Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt das Ziel, personalisierte Medizin für die Diagnose, Therapie und Prävention weit verbreiteter Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus und Lungenerkrankungen zu entwickeln. Dafür untersucht es das Zusammenwirken von Genetik, Umweltfaktoren und Lebensstil. Der Hauptsitz des Zentrums liegt in Neuherberg im Norden Münchens. Das Helmholtz Zentrum München beschäftigt rund 2.300 Mitarbeiter und ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, der 18 naturwissenschaftlich-technische und medizinisch-biologische Forschungszentren mit rund 37.000 Beschäftigten angehören. 

Das Institut für Strukturbiologie (STB) erforscht die Raumstruktur biologischer Makromoleküle, analysiert deren Struktur und Dynamik und entwickelt NMR-spektroskopie Methoden für diese Untersuchungen. Ziel ist es, molekulare Mechanismen der biologischen Aktivität dieser Moleküle und ihre Beteiligung an Krankheiten aufzuklären. Die Strukturdaten werden als Grundlage für die rationale Entwicklung kleiner Molekülinhibitoren in Verbindung mit Ansätzen der chemischen Biologie angewandt.