Prof. Dr. Magdalena Götz

Die Suche nach den Mechanismen ist eine besondere wissenschaftliche Herausforderung

Dass sie vor langwierigen Anstrengungen nicht zurückschreckt, hat Magdalena Götz bereits bewiesen, als sie vor Jahren zu Fuß die Alpen überquert hat, von München nach Venedig, mit Wanderschuhen und Rucksack. Diese Hartnäckigkeit benötigt sie auch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit, denn sie ist auf einem Gebiet tätig, in dem heute erst die Grundlagen erforscht werden: Sie und ihr Team beschäftigen sich mit der Frage, wie man Nervenzellen wieder ersetzen kann, wenn sie durch Verletzungen oder Krankheiten zerstört wurden. Damit ist Magdalena Götz eine Hoffnungsträgerin für Alzheimer- und Parkinsonpatienten, aber auch für Querschnittsgelähmte oder Schlaganfall-Geschädigte.

Prof. Dr. Magdalena Götz
Prof. Dr. Magdalena Götz


Als Direktorin des Instituts für Stammzellforschung am Helmholtz Zentrum München und Inhaberin des Lehrstuhls für Physiologische Genomik an der Ludwig-Maximilians-Universität München hat ihre Stimme heute in der internationalen Forschergemeinschaft großes Gewicht. Dieses Ansehen musste sie sich erkämpfen, denn im Jahr 2000 entdeckte sie ein Phänomen, das ihre Fachkollegen bis dahin für unmöglich gehalten hatten: Man war immer davon ausgegangen, dass Gehirnsubstanz aus zwei Arten von Zellen besteht, den Nervenzellen oder Neuronen, die die Reizleitung besorgen, und den Gliazellen, denen man lediglich eine Stütz- und Ernährungsfunktion zuschrieb. Magdalena Götz konnte zeigen, dass Gliazellen während der Entwicklung des Gehirns Stammzellen sind, aus denen sich alle möglichen unterschiedlichen Zellarten entwickeln – auch die Nervenzellen des Gehirns.  

Als sie ihre Erkenntnisse in jenem Jahr auf einer Tagung in den USA zum ersten Mal vortrug, war die Skepsis groß, es gab sogar regelrechte Anfeindungen. Erst ganz allmählich gelang es auch anderen Forschergruppen, die neuen Resultate zu erhärten, und inzwischen sind die Zweifel geschwunden. Magdalena Götz erhielt im Jahr 2007 den höchstdotierten Wissenschaftspreis in Deutschland, den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis. „Vielen Kollegen ist es damals zunächst nicht leichtgefallen, meine Ergebnisse anzuerkennen“, meint die Biologin. „Aber so tief greifende Konzeptänderungen muss man eben erst einmal verdauen. Das braucht eine gewisse Zeit.“

Dass Gliazellen während der Gehirnentwicklung Nervenzellen bilden, hat Magdalena Götz dazu gebracht, ihre Reaktion nach einer Gehirnverletzung zu untersuchen. Gliazellen vermitteln die Wundreaktion, bilden aber im erwachsenen Gehirn keine Nervenzellen. Götz konnte zeigen, dass es auch in der Wundreaktion Zellen mit Stammzelleigenschaften gibt. Diese im lebenden Gehirn wieder zur Bildung von Nervenzellen anzuregen, ist Gegenstand ihrer momentanen Forschungen. „Neben Mäusen – die abgestorbene Nervenzellen nicht ersetzen können – untersuchen wir auch Zebrafische, denn diese sind dazu in der Lage“, so Götz. „Wir stellen dabei die Frage: Was macht den Unterschied aus? Gibt es biologische Prinzipien beim Zebrafisch, die wir nachahmen könnten?“ Magdalena Götz und ihr Team betrachten dabei vor allem die unterschiedlichen Zelltypen sowie die biochemischen Signalwege, die für die Ausdifferenzierung von Zellen verantwortlich sind. Die Suche nach den Mechanismen ist eine wissenschaftliche Herausforderung, die viel Engagement und Standfestigkeit erfordert. Magdalena Götz ist glücklich, dass die technischen und organisatorischen Voraussetzungen für diese Arbeit im Helmholtz Zentrum München in hervorragender Weise gegeben sind, und schätzt die gute Zusammenarbeit zwischen dem Zentrum und der Universität. 

Ihre Forschung ist nie Routine, sie erfordert viel Kreativität. „Oft kommen spannende Ergebnisse aus ganz unerwarteten Richtungen“, weiß die Biologin. Sie legt deshalb großen Wert darauf, dass ihre Teammitglieder sich nicht zu sehr von herrschenden Trends beeinflussen lassen, sondern innovativ sind und auch versuchen, überraschende Ergebnisse neu zu interpretieren. „Wissenschaftler sollten sehr selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten, auch wenn sie fest angestellt sind“, meint sie. 

Die Aufgeschlossenheit und Neugier, die dazu nötig sind, hat sich die 50-jährige Forscherin immer bewahrt. Diese Eigenschaften verbinden sie mit ihrem Mann, der ebenfalls Hirnforscher ist, wenn auch auf einem völlig anderen Gebiet. Immer, auch in Urlaub und Freizeit, gehen die beiden mit offenen Augen durch die Welt und nehmen alles, was sie sehen, aufmerksam wahr – seien es Landschaften, Menschen, Gesteine, Tiere oder Pflanzen. Magdalena Götz benutzt heute noch ihr altes Bestimmungsbuch, wenn sie etwa auf einer ihrer vielen Reisen eine Blume sieht, die sie nicht kennt. Und sie liebt es zu wandern und zu segeln: „Zu Fuß oder vom Boot aus sieht man viel mehr als im Auto“, sagt sie. So ist sie viel mit ihrem Mann in fernen Ländern unterwegs. Beide begeistern sich für die Natur und scheuen sich nicht, auch mal für ein paar Wochen auf den gewohnten Luxus der Großstadt zu verzichten. Auf etwas anderes jedoch ist die Forscherin nicht bereit zu verzichten: auf Bücher. „Ich lese, wo ich gehe und stehe. Ein Leben ohne Bücher kann ich mir nicht vorstellen.“

 

Vita

  • 2013 ERC Advanced Grant
  • 2010 Bundesverdienstkreuz am Bande
  • 2008 Alzheimer-Forschungspreis der Hans und Ilse Breuer Stiftung
  • 2007 Familie-Hansen-Preis
  • 2007 Gottfried Wilhelm Leibniz- Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft
  • seit 2004 Direktorin des Instituts für Stammzellforschung am Helmholtz Zentrum München und Lehrstuhlinhaberin Physiologische Genomik an der Ludwig-Maximilians-Universität München
  • bis 2003 Wissenschaftlerin und Forschungsgruppenleiterin an Max-Planck-Instituten in Göttingen und München
  • 2000 Habilitation
  • bis 1996 Post-Doc in Tübingen, London und Harlow
  • bis 1992 Biologie-Studium und Promotion an der Universität Zürich und Tübingen

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