Prof. Dr. Wolfgang Wurst

Gen-Umwelt-Einflüsse sind der Schlüssel zum Verständnis der Volkskrankheiten

Stress gehört zu seinen zentralen Forschungsthemen. Wolfgang Wurst untersucht, welche genetischen Konstellationen während der Embryonalentwicklung Emotionalität, Angst und Stresszustände beim Erwachsenen regulieren. Ihn selbst scheint die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema gegen Stress immun zu machen. Der Neurogenetiker, der eines der weltweit größten Projekte zur Funktionsaufklärung von Krankheitsgenen koordiniert, strahlt Optimismus, Ruhe und Zuversicht aus. „Ich habe einfach eine gute genetische Grundausstattung, eine angeborene Stressresistenz“, erklärt der 56-Jährige lachend.

Prof. Dr. Wolfgang Wurst
Prof. Dr. Wolfgang Wurst


Wolfgang Wurst trägt selbst aktiv dazu bei, sich von den Anforderungen des Wissenschaftsalltags nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Gerne nutzt er freie Zeit, um zu laufen oder in den Bergen zu wandern. „Die körperliche Anstrengung, verbunden mit dem Aufenthalt in der Natur und dem Blick in die Weite, hilft mir, den Kopf wieder klar zu bekommen und den Gedanken freien Lauf zu lassen“, sagt er.

Kreativität und Vision stehen bei ihm an erster Stelle, um gute Forschung zu betreiben. „Ohne Vision entstehen keine wissenschaftlichen Produkte“, ist Wolfgang Wurst überzeugt. Die große Herausforderung sei aber die nötige Portion Hartnäckigkeit, um die angestrebten Ziele auch umzusetzen.

Diese Hartnäckigkeit, gepaart mit dem Willen zur Leistung, sind Eigenschaften, die ihm schon früh zugutekamen. Sein Karriereweg verlief keineswegs geradlinig und geplant. „Das Leben ist Trial and Error für mich. Man muss sich den Weg selbst erarbeiten“, sagt der Forscher und berichtet, wie er über den zweiten Bildungsweg, über eine Metallfachausbildung, Technikerschule und fachgebundene Hochschulreife schließlich zum Chemie- und Biologiestudium kam.

Schon damals sei es die Neugierde gewesen, die ihn angetrieben habe. „Die Neugierde hat mich zur Forschung gebracht und meinen Lebensweg bestimmt. Neue Themen zu entdecken, ist für mich die größte Befriedigung“, erzählt Wolfgang Wurst. Mit Stipendien der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ging er nach der Promotion nach Kanada und arbeitete fünf Jahre am Mount Sinai Hospital in Toronto auf dem Gebiet der Molekularen Embryonalentwicklung. Gut hätte er sich vorstellen können, in diesem „hochmotivierten internationalen Umfeld“ weiterzuforschen, doch die Aussicht auf das kulturell und gesellschaftlich spannendere Leben in Europa zog ihn schließlich wieder zurück. 

Am Helmholtz Zentrum München leitet Wolfgang Wurst seit 2002 das Institut für Entwicklungsgenetik mit rund 150 Mitarbeitern, an der Technischen Universität München ist er Lehrstuhlinhaber für Entwicklungsgenetik und am Max-Planck-Institut für Psychiatrie baute er eine Klinische Kooperationsgruppe „Molekulare Neurogenetik“ auf. Als Koordinator der Helmholtz-Allianz für Geistige Gesundheit im Alter, an der vier Helmholtz-Zentren, fünf Universitäten, ein Max-Planck-Institut sowie ein Pharmahersteller beteiligt sind, kann er eine Eigenschaft ausspielen, die er als seine große Stärke betrachtet: Teamfähigkeit. „Wenn man große Projekte leitet, muss man sehr integrativ sein. Man muss Leute zusammenbringen und für die gemeinsame Sache begeistern.“

Dies ist dem Neurogenetiker und Entwicklungsbiologen mehrfach gelungen. Wurst etablierte einen Forschungsansatz, um in Stammzellen von Mäusen Gene gezielt auszuschalten – die sogenannte Genfallen- oder Gene Trap-Methode. An den Mäusen können die Folgen des Gendefekts und damit die Funktionen der Gene studiert werden. Um möglichst viele Gene in kurzer Zeit aufklären zu können, initiierte Wolfgang Wurst das Deutsche Genfallen-Konsortium, aus dem 2005 das European Mouse Mutagenesis Program (EUCOMM) hervorging. Sein Ansatz wurde international kopiert und schließlich im International Knockout Consortium (IKCM) auf multinationaler Ebene umgesetzt.

Das Ziel ist für Wolfgang Wurst damit noch lange nicht erreicht: „Wir haben das Genom sequenziert, wir kennen die Gene und größtenteils auch ihre Funktion, aber wir verstehen die Krankheit immer noch nicht.“ Deshalb macht er sich dafür stark, einen noch breiteren Ansatz zu verfolgen. Die wissenschaftliche Herausforderung sei, das Zusammenspiel der Gene mit der Umwelt bei der Entstehung von Krankheiten zu analysieren und die besondere Rolle von Alterungsprozessen miteinzubeziehen. Wurst: „Ich bin überzeugt, dass die Gen-Umwelt-Interaktionen der Schlüssel zum Verständnis der großen Volkskrankheiten sind. Dieses Zusammenspiel zu analysieren, sehe ich als die große Aufgabe für unser Zentrum, aber auch für unsere Gesellschaft an.“ 

Um der gesellschaftlichen Herausforderung durch chronische Erkrankungen besser begegnen zu können, wünscht sich Wolfgang Wurst neue Ansätze, vor allem für die Rolle der Umwelt bei der Entstehung von Krankheiten. Anders als die genetische Prädisposition seien Einflussfaktoren wie Ernährung, Luftschadstoffe oder Al-lergene „schlecht zu fassen und schwer zu übersetzen in physiologische und molekulare Veränderungen des Organismus“. Die Suche nach neuen Lösungswegen ist es, die ihn in seinem wissenschaftlichen Alltag motiviert. Wolfgang Wurst: „Hier sind Ideen und Kreativität gefordert, und das ist es, was unsere Arbeit als Wissenschaftler immer wieder spannend macht.“

Vita

  • seit 2012 designierter Sprecher für das Gesundheitsprogramm des Zentrums in POF III
  • seit 2002 Direktor Institut für Entwicklungsgenetik am Helmholtz Zentrum München und Inhaber des Lehrstuhls für Entwicklungsgenetik an der Technischen Universität München
  • seit 1997 Leiter der Forschungsgruppe Molekulare Neurogenetik am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München
  • 1994–1997 Nachwuchsgruppenleiter, GSF – Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Institut für Säugetiergenetik
  • 1989–1994 Post-Doc, Samuel Lunenfeld Research Institute of the Mount Sinai Hospital, Toronto, Canada und ab 1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Samuel Lunenfeld Research Institute, Toronto, Canada
  • 1988–1989 Post-Doc, Universität Göttingen, Abteilung Immungenetik
  • 1978–1988 Studium der Biologie und Chemie an der Universität Freiburg und Promotion in Immungenetik an der Universität Göttingen

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