Typ-1-Diabetes früh erkennen, Komplikationen vermeiden

Die Fr1da-Studie soll klären, ob ein landesweites Screening auf TD1 Kranken einen hohen Nutzen bringt und gesunde Kinder nicht belastet 

Schlappheit? Großer Durst? Diese „Symptome“ kommen wohl bei jedem Kind ab und zu vor, nur wenige Eltern werden sich deswegen Sorgen machen. Doch genau das können erste Anzeichen für eine beginnende Diabetes-Typ-1-Erkrankung sein, vor allem wenn sie häufig vorkommen. Auch wenn die Kinder ständig auf die Toilette müssen oder sich häufig erbrechen, können das erste Krankheitssymptome sein. Ist die Stoffwechselstörung dann fortgeschritten, ist der Blutzucker also ständig zu hoch, weil nach und nach die Insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört werden, kommt es zu schwerwiegenderen Folgen. Denn wenn den Zellen der Treibstoff Glukose ausgeht, baut der Körper vermehrt Fettzellen ab und dabei entsteht Azeton, der Körper übersäuert dann regelrecht. Viele Kinder mit Diabetes-Typ-1 werden erst erkannt, wenn sie mit einer so genannten „Ketoazidose“ ins Krankenhaus eingeliefert werden. Diese Kinder müssen dann stationär, manchmal auch auf der Intensivstation behandelt werden – eine dramatische Situation für die Familien. Knapp ein Prozent dieser Kinder entwickelt zudem ein Hirnödem, das tödlich verlaufen kann.

Fatale Langzeitwirkungen

Aber auch bei weniger lebensbedrohlichen Verläufen hat eine Übersäuerung Langzeitwirkungen: So ist etwa die Denkleistung bei den betroffenen Kindern noch Monate nach der medizinischen Krise vermindert. Oft machen sich die Eltern starke Vorwürfe, das Leiden nicht früher erkannt zu haben. „Gefühle der Hilflosigkeit und große Sorge der völlig unvorbereiteten Eltern haben bei einem Teil der Mütter zu depressiven Reaktionen und langfristigen posttraumatischen Belastungsstörungen geführt. Diese beeinträchtigen langfristig, oft lebenslang, die Diabetesbewältigung der ganzen Familie und die gesundheitliche Prognose des Kindes“, sagt Frau Prof. Dr. Karin Lange von der Medizinischen Hochschule Hannover. 

Bayerische Gesundheitsministerin übernimmt Schirmherrschaft für die Fr1da-Studie

Damit die Krankheit in einem früheren Stadium erkannt wird und Komplikationen vermieden werden können, haben Diabetologen um Prof. Dr. Anette-G. Ziegler des Helmholtz Zentrums München ein bayernweites Screening-Programm namens „Fr1da“ ins Leben gerufen, für das das Bayerische Gesundheitsministerium die Schirmherrschaft übernommen hat. „Unser erstes Ziel ist es, Ketoazidosen zu verhindern“, sagt Anette Ziegler. Ein zweiter Effekt: Wenn die Eltern in einem frühen, unaufgeregten Stadium von der Krankheit erfahren und gut begleitet werden, ist die Krankheit kontrollierbar und ein fast normales Leben möglich. „Das frühe Wissen um die Krankheit und seine Kontrollierbarkeit ist ein wichtiger psychologischer Vorteil“, sagt Lange, die gemeinsam mit Ziegler einen Ratgeber für betroffene Familien verfasst hat.

Kompetente Beratung und Begleitung der Familien durch Kliniken und Praxen

durch Doch das Wissen um ein Risiko birgt auch Nachteile: „Dabei ist „das Warten auf die Symptome“ und damit der Verlust an unbeschwerten Jahren zu nennen, die das Kind ohne das Screening als gesund erlebt hätte“, erklärt Frau Prof. Lange. „Es ist auch denkbar, dass Eltern in dieser Phase große Ängste entwickeln und nach „Heilungsmöglichkeiten“ suchen“. Hier bestehe die Gefahr, dass unseriöse Anbieter und Heilsversprechungen den Familien finanziell und psychisch schaden könnten. Darum sind sich die Fr1da-Beteiligten, zu denen auch das PaedNetz Bayern und die Gesellschaft für Neugeborenen Screening gehören, einig: Ein solches Programm ist nur sinnvoll, wenn Eltern und Kinder kompetente Beratung erhalten und ausreichende Behandlungszentren vorhanden sind. Für die Fr1da-Studie etwa gibt es verschiedene Kliniken und Praxen, die auf die Diagnostik und Behandlung von Kindern mit Diabetes spezialisiert sind.

Starke Partner und internationale Förderung

Die Studie soll im Jahr 2015 bayernweit bei 100.000 Kindern zwischen zwei und fünf Jahren durchgeführt werden. Dafür wird dem Kind im Rahmen einer U-Untersuchung beim Kinderarzt ein Tropfen Blut am Finger entnommen, im Helmholtz Zentrum wird es dann auf Autoantikörper untersucht. Parallel dazu werden die Eltern einen einseitigen Fragebogen ausfüllen. Sollte sich zeigen, dass ein solches Untersuchungsprogramm einerseits für die betroffenen Kinder von hohem Nutzen ist und andererseits die gesunden Kinder nicht oder nur wenig belastet werden, könnte ein nationales Screening folgen. Weltweit gibt es solche Großuntersuchungen in Sachen Diabetes-Früherkennung bislang nicht. Die bayerische Pilotstudie gilt als wegweisend, darum stiftet sogar die US-amerikanische Juvenile Diabetes Research Foundation (JDRF) eine Million Dollar. 

Hoffnung auf Erkenntnisse zur Krankheitsentstehung

Auch auf weitere drängende Fragen erhoffen sich die Initiatoren Antworten: Beispielsweise sollen die Fr1da-Zahlen mit Wohnort, Ernährung oder auch Kaiserschnittraten verglichen werden. „Vielleicht erfahren wir so mehr über die Ursachen des Typ-1-Diabetes“, hofft Anette Ziegler. Denn die sind bislang weitgehend unbekannt. Dabei ist das Problem drängend, schließlich gibt es immer mehr Diabetes-Typ-1-Kranke, jährlich kommen sechs Prozent Neuerkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren hinzu. Neue Erkenntnisse erhoffen sich die Initiatoren auch für die Prävention. So können Fr1da-Kinder bei laufenden Studien teilnehmen, die Impfstoffe gegen die Krankheit testen. Erste Ergebnisse einer Impfung mittels Nasenspray sind vielversprechend.