Highlight AG4

Integration eines Strahlenmarkers in die Modellierung der Schilddrüsen-Karzinogenese und die post-Tschernobyl Risikobewertung

Zum ersten Mal wurde ein molekularer Strahlenmarker zur Abschätzung von Strahlenrisiken in epidemiologischen Studien verwendet.

Ionisierende Strahlung erzeugt nachweisbare molekulare Schäden. Nach vorherrschender Meinung ist jedoch der Entstehungsprozess einer Erkrankung nicht strahlenspezifisch und von der Pathogenese durch andere Ko-Faktoren nicht zu unterscheiden. Dagegen liefert unsere Arbeit Hinweise darauf, dass mit der Überexpression des CLIP2-Gens ein strahlenspezifischer Krankheitsverlauf für Schilddrüsenkrebs verbunden ist, dem direkt einen Strahlenrisiko zugeordnet ist. Solche Risiken konnten bisher nur in aufwendigen strahlenepidemiologischen Kohorten-Studien bestimmt werden.

Wie frühere Arbeiten aus der Abteilung Strahlenzytogenetik demonstrieren, kann die Überexpression des CLIP2-Gens im Krebsgewebe der Schilddrüse von sehr jungen Patienten (kleiner 20 Jahre) als Strahlenmarker betrachtet werden. Mit Hilfe eines mathematischen Krebsentstehungsmodells konnte nun gezeigt werden, dass die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten des Strahlenmarkers eine deutliche Dosisantwort zeigt, die direkt dem Strahlenrisiko in der Kohorte der ukrainischen Tschernobyl-Kinder entspricht.

In der retrospektiven Analyse kann mit einem verlässlichen Strahlenmarker, wie z.B. der CLIP2-Überexpression, mit deutlich erhöhter Genauigkeit festgestellt werden, ob eine Krebserkrankung eine erhöhte Strahlendosis als Ursache hat. Dieses Wissen ist von Bedeutung für die Bewertung der gesundheitlichen Spätfolgen von Nuklearunfällen oder von diagnostischer und therapeutischer Bestrahlung.

Das Ausmaß der Spätfolgen der Strahlenexposition von Kindern und Jugendlichen, insbesondere das erhöhte Auftreten von Schilddrüsenkrebs nach den Unfällen von Tschernobyl und Fukushima, könnte mit dem gefundenen Strahlenmarker viel genauer bestimmt werden als durch statistische Assoziationsanalysen der Strahlenepidemiologie, die den bisherigen Stand der Wissenschaft darstellen.

Eine umfassende Charakterisierung der Rolle von CLIP2 als Treibergen in der Entstehung von strahleninduziertem Schilddrüsenkrebs steht noch aus. Für eine endgültige Antwort sind geeignete Zellkulturmodelle nötig, mit denen das onkogene Potenzial der Überexpression von CLIP2 bewertet werden kann. Weiterhin soll die Anwendung des Krebsentstehungsmodells auf andere strahlenepidemiologische Kohorten Hinweise darauf geben, ob die beobachteten Effekte allgemeiner Natur sind.

Mechanistisches Modell von strahleninduziertem Schilddrüsenkrebs.