Pressemitteilung/News

Genetik
03.11.2016

Entscheiden die Gene, wann wir Kinder kriegen?

Wann und wie viele Kinder ein Mensch bekommt, hängt von vielen Faktoren ab. Einer Studie in ‚Nature Genetics‘ zufolge spielen dabei auch bestimmte Bereiche im Erbgut eine Rolle. An der Arbeit beteiligt sind mehr als 250 Soziologen, Biologen und Genetiker von Institutionen weltweit – auch vom Helmholtz Zentrum München.

Stöckl&Gieger

Quelle: Peter Hermes Furian/Fotolia

PD Dr. med. Doris Stöckl und Dr. Christian Gieger, Quelle: Helmholtz Zentrum München

„In der Studie wurden zwölf Bereiche in der DNA-Sequenz identifiziert, die signifikant damit assoziiert sind, in welchem Alter wir unser erstes Kind bekommen und wie viele Kinder wir im Laufe unseres Lebens haben“, fasst  Dr. Christian Gieger die Ergebnisse zusammen. Er leitet die Abteilung für Molekulare Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München (HMGU) und war ebenfalls an der Arbeit beteiligt.

Die Studie enthält eine Analyse von 62 Datensätzen, auch von der Augsburger KORA-Studie. Insgesamt erhoben die Wissenschaftler so Informationen von 238.064 Männern und Frauen zum Alter bei der ersten Geburt und von fast 330.000 Männern und Frauen zur  Anzahl der Kinder.

„Bisher wurde menschliches Fortpflanzungsverhalten hauptsächlich mit persönlichen Entscheidungen oder sozialen Umständen sowie Umweltfaktoren in Verbindung gebracht“, erklärt Prof. Dr. Konstantin Strauch, Direktor des Instituts für Genetische Epidemiologie am HMGU und ebenfalls an der Studie beteiligt. „Die neuen Ergebnisse zeigen, dass es auch eine genetische Basis für das Fortpflanzungsverhalten gibt.“

 Zudem berichten die Autoren, dass DNA-Varianten, die mit dem Alter bei der Geburt des ersten Kindes verbunden sind, mit anderen Eigenschaften der reproduktiven und sexuellen Entwicklung assoziiert sind, wie beispielsweise dem Alter, in dem Mädchen ihre erste Periode bekommen, Jungen ihren Stimmbruch haben oder mit dem Alter, in dem die Menopause einsetzt.

Die Autoren sehen in der aktuellen Arbeit einen möglichen „Game Changer“ für menschliche Entwicklungs- und Fertilitätsforschung. Es sei jedoch wichtig, die Ergebnisse aus der richtigen Perspektive zu betrachten: Die Forscher berechneten, dass die entdeckten DNA-Varianten zusammen in weniger als einem Prozent der Fälle den Zeitpunkt vorhersagen, zu dem Männer und Frauen ihr erstes Kind bekommen, oder wie viele Kinder sie im Laufe ihres Lebens haben.

„Durch die Erforschung der Funktionen der zwölf DNA-Regionen konnten 24 Gene identifiziert werden, die wahrscheinlich für die Auswirkungen auf das Fortpflanzungsverhalten verantwortlich sind“, erklärt Co-Autorin PD Dr. Doris Stöckl. Sie forscht am Institut für Epidemiologie II des HMGU in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Christa Meisinger, die ergänzt: „Von einigen dieser Gene ist bereits bekannt, dass sie das Risiko für Unfruchtbarkeit beeinflussen, andere wurden bisher noch nicht in diesem Zusammenhang untersucht.“ Die Forscher hoffen, dass ein besseres Verständnis der Funktion dieser Gene zu neuen Erkenntnissen für die Behandlung von Unfruchtbarkeit führen könnte.

Weitere Informationen

Original Publikation:
Barban, N. et al. (2016): Genome-wide analysis identifies 12 loci influencing human reproductive behavior. Nature Genetics, doi: XYZ

Das Helmholtz Zentrum München verfolgt als Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt das Ziel, personalisierte Medizin für die Diagnose, Therapie und Prävention weit verbreiteter Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus und Lungenerkrankungen zu entwickeln. Dafür untersucht es das Zusammenwirken von Genetik, Umweltfaktoren und Lebensstil. Der Hauptsitz des Zentrums liegt in Neuherberg im Norden Münchens. Das Helmholtz Zentrum München beschäftigt rund 2.300 Mitarbeiter und ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, der 18 naturwissenschaftlich-technische und medizinisch-biologische Forschungszentren mit rund 37.000 Beschäftigten angehören.

Die selbstständige Abteilung Molekulare Epidemiologie (AME) analysiert populationsbasierte Kohorten und Fallstudien für bestimmte Krankheiten mit Hilfe von Genomik, Epigenomik, Transkriptomik, Proteomik, Metabolomik und funktionellen Analysen. Ziel ist, die molekularen Mechanismen komplexer Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Adipositas aufzuklären. Die Abteilung führt die Bioprobenbank der Epidemiologie und übernimmt die Probenverwaltung und -lagerung für nationale und internationale Projekte. 

Das Institut für Epidemiologie II (EPI II) erforscht die Zusammenhänge von Umwelt, Lebensstil und Genetik bei der Entstehung von Diabetes, Erkrankungen des Herzens und der Erhaltung der Gesundheit im Alter. Die Forschung stützt sich auf die einzigartigen bevölkerungsbasierten KORA-Ressourcen (Kohorte, Herzinfarktregister, Aerosol-Messstation). Folgestudien innerhalb der Kohorte ermöglichen die Untersuchung von Frühformen und Komplikationen ausgewählter chronischer Erkrankungen und deren Verbreitung in der Bevölkerung. 

Der Lehrstuhl bzw. das Institut für Genetische Epidemiologie (IGE) beschäftigt sich mit der Planung, Durchführung und Auswertung von Projekten zur Identifizierung genetischer Faktoren, die zur Entstehung komplexer Krankheiten beim Menschen beitragen. Dies beinhaltet die Anwendung, Weiterentwicklung und Implementation verschiedenster statistischer Methoden, z.B. für seltene genetische Varianten, mitochondriale DNA, Gen-Gen- und Gen-Umwelt-Interaktionen, Familienstudien sowie die Berücksichtigung von Populationsstrukturen. Die Aufklärung von krankheitsrelevanten genetischen Faktoren sowie deren Berücksichtigung bei der Modellierung von Krankheitsrisiken bildet die Grundlage für individualisierte Behandlungs- oder Präventionsmaßnahmen. Der Lehrstuhl für Genetische Epidemiologie ist Partner im Münchner Zentrum für Gesundheitswissenschaften (MC-Health). 

Die Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg (KORA) untersucht seit 30 Jahren die Gesundheit tausender Bürger aus dem Raum Augsburg. Ziel ist es, die Auswirkungen von Umweltfaktoren, Verhalten und Genen zu verstehen. Kernthemen der KORA-Studien sind Fragen zu Entstehung und Verlauf von chronischen Erkrankungen, insbesondere Herzinfarkt und Diabetes mellitus. Hierzu werden Risikofaktoren aus dem Bereich des Gesundheitsverhaltens (u.a. Rauchen, Ernährung, Bewegung), der Umweltfaktoren (u.a. Luftverschmutzung, Lärm) und der Genetik erforscht. Aus Sicht der Versorgungsforschung werden Fragen der Inanspruchnahme und Kosten der Gesundheitsversorgung untersucht.